30 Jahre Modellfallschirmspringen beim MFC Brilon.

Am 27. und 28. August 2011 fand in Hühnfelden - Kirberg die 30. Deutsche Meisterschaft im Modellfallschirmzielspringen statt. Die allererste DM fand auch dort statt. Im Mai 1982 trafen sich dort immerhin schon 23 Teilnehmer. Auch Josef Sommer und ich waren da schon dabei, allerdings nur als Zuschauer. Wir hatten uns gar nicht getraut, uns als Teilnehmer anzumelden. Wir hatten viel probieren und entwickeln müssen. Gab es doch niemanden, der Erfahrungen mit der neuen Technik hatte. Dass wir auch damals schon ausgereifte Springer und Schirme hatten, haben wir dann in den folgenden Jahren bewiesen. Zwischen 1983 und 1995 haben Josef Sommer, Michael Kohlhase und ich dann insgesamt 18 mal auf dem Siegertreppchen gestanden. Bei 6 Meisterschaften waren jeweils 2 Briloner unter den ersten Drei und 6 mal einer auf Platz eins. Gar nicht schlecht, oder?

Entscheidend für den Erfolg waren nicht nur ausreichend Übung, ein gut steuerbarer Schirm und ein toller Teamgeist, sondern auch eine zuverlässig funktionierende Technik.

Wie wichtig die sein kann, wurde uns spätestens bei einem Wettbewerb in Chapellois in Belgien deutlich. Der Absetzpunkt lag über einem Wäldchen mit einem Sumpfgebiet darin. Wer dort ohne Schirmöffnung durchfiel, liegt auch heute noch als technische Moorleiche dort.

Oder in Genk, ebenfalls in Belgien. Gut 100 Meter vom Startbahnende in südwestlicher Richtung entfernt: 3-stöckige Wohnhäuser. Im Nordwesten: die 4-spurige N76, 200 Meter entfernt. Und im Südosten: keine 150 Meter bis zu einem Sportflugplatz mit vielen Flugbewegungen. Unvorstellbar? Schaut es euch bei Google maps an. Genk, Belgien,

Vliegveld Zwartberg. Wie auch gerade der Wind kam, immer war der Herzschlag der Piloten schon deutlich erhöht. In Kamp Lintfort, deutlich mehr Platz. Doch in Flugrichtung ein riesiger Industriebetrieb mit großem Parkplatz. Hier schlugen die „Durchfaller" zwischen den geparkten Autos auf. Im Norden die gut befahrene Hedgestraße. Hier lagen die Springer dann am Straßenrand. Gut, dass hier nicht mehr passiert ist. Bei einigen Modellflugplätzen in den Ballungszentren geht es halt etwas eng zu. Gewerbegebiete sind oft der direkte Nachbar, Autobahnen manchmal nicht weit entfernt.

Wie man einen Springer baut, will ich hier nicht lang und breit erklären. Aber „Sicherheit" kann man einbauen. Dafür gibt’s hier ein paar Tipps und Fotos.

1. Schalter mit Reißleine oder Sicherheitsschlaufe verwenden.
2. Rückenplatte mit Schlaufen für die Fangleinen einbauen.
3. Hilfsschirmschleuder benutzen.
4. Schirmvorbremsung einbauen.

Unsere Springer hatten alle seit 1983 diese „Sicherheitseinrichtungen" und Durchfaller oder

Fehlöffnungen waren von da an sehr selten. Die Schlaufenplatte und die Vorbremsung sind bei den „Großen" abgeschaut. Der Sicherheitsschalter und die Hilfsschirmschleuder sind neben vielen weiteren Details Entwicklungen des Briloner Teams.

Schalter mit Reißleine. Angaben zur Sicherheitsschlaufe finden Sie auf den DMFV-Seiten.

Eine ca. 30 Zentimeter lange stabile geflochtene Maurerschnur trägt am Ende einen kleinen Kunststoffpin, der genau zu einem Schalter am Steiß des Springers passt und den Springer dadurch ausschaltet. Die Reißleine wird am Schleppmodell eingehängt. Beim „Absprung" gibt dann der Pin den Schalter frei und dieser schaltet dann die Fernsteuerung des Springers ein. Diese Technik wurde bei allen im Verein betriebenen Springern eingesetzt. Bei zigtausend Absprüngen von 13 Meisterschaftsteilnehmern unseres Vereines hat keiner der Schalter je versagt. Der Schalter sollte 2x umschalten, wasserdicht sein, bei 125 Volt mindestens 2 Ampere schalten und keiner der billigen Sorte sein. Beide Schaltkontaktpaare sind zur Erhöhung der Sicherheit parallelgeschaltet. Die Kugel darf nicht gelötet sondern nur verklebt werden. Hitze wird die Kunststoffteile im Inneren des Schalters schädigen. Die Kugel stammt von einer ganz normalen Kugelanlenkung.

Wichtig sind auch die beiden Gummis aus dem Haushaltswarenladen, von denen schon einer das sichere Einschalten gewährleisten muss.

Rückenplatte mit Schlaufen.

Die Rückenplatte liegt im Packsack und ist dort mit Klettband oder durch Schrauben in den Ecken mit dem Springer verbunden. Durch die Schlaufen werden die Fangleinen des Schirmes sauber gehalten. Die Leinen können dadurch nicht mehr über den Schirm gelangen, der dann nicht mehr steuerbar wäre.

So fängt man an: Die Rippen des Schirmes alle übereinander legen. Den Schirm dann so falten, dass die Fangleinen übereinander liegen. Die Tragegurte links und rechts jeweils einzeln durch die oberen Schlaufen ziehen. Achtung: Die Schlüsselringe oder die Verknotungen nicht durch die Schlaufen ziehen! Jetzt alle Fangleinen und auch die Steuerleinen bündeln und abwechselnd rechts und links nur ein kleines Stück durch die Schlaufen ziehen. Die Kunststoffplatte kann sehr dünn sein. 0,5 mm reichen aus. Die Schlaufen bestehen aus Hutgummi, der ohne Vorspannung eingezogen wird und leicht verschiebbar durch die Bohrungen der Platte läuft.

Hilfsschirmschleuder.

Die „Großen" nehmen zum Öffnen des Schirmes den Hilfsschirm in die Hand, halten ihn „in den Wind" und lassen los. Der restliche Öffnungsvorgang läuft dann automatisch ab.

So etwas können die Modellspringer leider nicht.

Anfangs wurde mit Druckfedern im Hilfsschirm experimentiert. Aber eine sichere, schnelle Öffnung war dadurch noch lange nicht gewährleistet. Die Funktion der „Schleuder" ist recht einfach. An die Innenseite des unteren Teils der Packsacklasche wird ein ca. 4-5 cm breites, ca. 10 cm langes Stück Fallschirmseide oder Futterseide genäht. Der Hilfsschirm wird gefalten, die Fangleinen 1 mal lose um das Hilfsschirmbündel gewickelt. Dann wird alles in die Schleuder gewickelt. Beim Öffnen wird die untere Packsacklasche durch die zu den Beinen gespannten Gummis blitzschnell zu den Beinen gezogen und durch den Schwung das Hilfsschirmbündel herausgeschleudert. Der Hilfsschirm öffnet sich und der Hauptschirm wird aus dem Packsack gezogen. Vom Betätigen des Öffnungsservos bis zur Schirmöffnung vergeht so nicht mehr als eine Sekunde.

Schirmvorbremsung.

Damit der Hauptschirm genügend Vorwärtsfahrt macht, steht er schräg nach vorn geneigt.

Ein schneller Schirm mit dünnem Profil wird dann beim Öffnungsvorgang so schnell nach vorn schießen, dass sogar die aufgrund ihrer Masse trägere Puppe in den Schirm fallen kann.

Dickere Schirme schießen nicht ganz so weit vor, oft schlägt aber die Vorderkante, manchmal auch nur einseitig unter die untere Schirmfläche. Der Schirm ist dann nicht steuerbar, oft bricht er auch wieder vollkommen in sich zusammen. Werden die Steuerleinen beim Öffnungsvorgang so weit heruntergezogen, dass der Schirm nur sehr wenig Fahrt macht, besteht diese Gefahr nicht. Versucht man jedoch vor der Schirmöffnung die Arme nach unten zu bewegen um die Vorbremsung zu erreichen, so werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Servogetriebe durch den Öffnungsruck zerstört. Besser geht das mit parallel zu den Steuerleinen geknüpften Bremsleinen, die am Springer eingehängt durch ein viertes Servo gelöst werden. Die Einhängevorrichtung funktioniert wie eine Schleppkupplung.

Man kann auch über die Armservos die Bremsleinen lösen. Das erfordert eine genaue Abstimmung der Gestänge, spart aber auch ein Servo in dem ohnehin sehr engem Springerrumpf. Wir machen das seit vielen Jahren so und es funktioniert einwandfrei.

Hier die Fotos zu den beschriebenen Details:

Schalter, Reißleine mit Pin und Einschaltgummis.
Gummis regelmäßig erneuern. Kosten: 2 Cent pro Jahr.
Wenn die Reißleine abgezogen wird, schalten die  Gummis den Schalter ein.
   
   
Den Schirm so zusammenlegen, dass die Fangleinen gebündelt werden können.
Die Bremsleinen sind eingehängt. Die Bremsleinen und die Steuerleinen sind bis zu den Ringen rot gefärbt.
   
Hier sieht man die eingehängten Bremsleinen.
Wenn der Arm herunterbewegt wird, klinken die Bremsleinen aus.
Tragegurte und Steuerleinen rechts und links getrennt einschlaufen.
   
Alle Fangleinen sauber bündeln und einschlaufen. Das geht schneller und einfacher als man denkt.
   
Der zusammengelegte Hilfsschirm.

Hier ist der Hilfsschirm in der
Hilfsschirmschleuder eingerollt.

   
Direkt unter dem Einhängepunkt der Beinspanngummis liegt die Hilfsschirmschleuder mit dem eingerollten Hilfsschirm.
   
Der sprungbereite Springer, hier noch mit dem extra Ausschalter. Die Reißleine hängt normalerweise nur am Schleppmodell.
   
Wird das Öffnungsservo betätigt, schleudert der Hilfsschirm aus dem Windschatten des Springerrumpfes heraus und in wenigen Zehntelsekunden ist der Hauptschirm herausgezogen und geöffnet.

 Fotos: Dieter Hülshoff

Was man sonst noch machen kann:

  1. Verwenden sie einen Empfänger mit programmierbarem Fail-Save. Im Falle einer Störung, auch wenn der Sender einmal noch nicht eingeschaltet sein sollte, öffnet dann das Servo den Schirm.
  2. Achten Sie darauf, dass der Draht für die Schirmöffnung glatt ist und ohne zu Klemmen in dem Gegenstück läuft.
  3. Verwenden Sie robuste und zuverlässige Servos. Für die Arme haben sich HS 645 bewährt. Die sind preiswert, nicht zu groß und stark.
  4. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit um den Schirm ordentlich zu packen und die Fangleinen sauber einzuschlaufen. Kein Teil des Schirmes darf aus dem Packsack herausragen.
  5. Vergewissern Sie immer 2 mal, ob die Reißleine auch sicher am Schleppmodell eingehängt ist.

Und nun viel Glück und Erfolg beim Modellfallschirmspringen!

Diese Fotos entstanden bei der 30. DM im August 2011.

Fotos: Andreas Sommer

Dieter Hülshoff , MFC Brilon, September 2011